...ein
paar Worte zum Thema...
Verfemung
des Leidens
Krankheit, Liebeskummer, Unfall, Leid,
Depression, Tod, Arbeitsplatzverlust, Krebs, Verlust eines geliebten
Menschen, Alter, Opfer eines Verbrechens, Schmerzen – jeder kennt das,
doch offenbar nur vom Hörensagen oder aus Zeitung und Fernsehen.
Definiert wird Leiden als Erlebnis der Verschlechterung eines Zustandes,
denn wenn ich ‚Schaden leide’, liegt das am Verlust eines Gutes, der
mir Leid verursacht. In der Antike war das Leid einfach ein Übel;
im Christentum erst hatte Leiden einen eigenen moralischen Wert
bekommen, weil innerhalb der Grenze der Leidensfähigkeit das Leiden die
Erweckung edelster menschlicher Kräfte, eine Erweiterung des Wertebewußtseins
und zudem eine Vertiefung der Glücksfähigkeit bewirken sollte. Dieser
Wert sollte in der Erzeugung von ‚Leidensfähigkeit’ bestehen, die
an dem Punkt einsetzt, wo mit Aktivität nichts mehr auszurichten ist
und die den Menschen befähigen soll, ein schweres Schicksal zu
ertragen, ohne daran zu zerbrechen.
Heutzutage haben wir das Thema Leid (oder auch Christentum) nicht mehr
auf der Tagesordnung, es reicht nicht einmal mehr für harsche Polemik
oder eine Dämonisierung. Denn normalerweise sind ja Feinde, die man ob
ihrer Übermacht fürchtet zumindest arge Teufel, Untermenschen oder gar
das personifizierte Böse – wir verschweigen Krankheit und Tod einfach
nur, denn so etwas passiert weit weg, gar nicht, anderen oder im
Fernsehen. Geliebt wurde das Leiden natürlich auch in der Antike nicht,
aber aus Prinzip bewußt übersehen wird es erst jetzt, es erscheint
geradezu als unerwünschtes Abfallprodukt der fortschreitenden
Zivilisation, die ein ständiges besser, höher, weiter, schneller und
gesünder vorgaukelt. Man ist offenbar derart besoffen von der Hoffnung
auf Besitz und dauerhaftes Glück, dass für Unglück, Leid, Vergänglichkeit
und existenzbedrohende Krisen kein Raum mehr im Weltbild vorhanden ist.
Durch die Zersplitterung der Großfamilien und den Trend zum
Single-Haushalt fehlt es allerdings auch an Vorbildern für das weniger
Angenehme im Leben:
Früher bekam man schon als Kind mit, wenn ein Schwesterchen geboren
wurde, wenn der Opa krank wurde, wenn das Geld nicht zum Essen reichte,
wenn ein Familienmitglied starb. Heute ist das sehr stark
institutionalisiert:
Geboren und gestorben wird im allgemeinen Krankenhaus, alt und krank ist
man im Altersheim, Geld gibt’s vom Sozialamt – damit sind diese
Institutionen für die Entsorgung überflüssigen und unangenehmen
Leidens zuständig und wir können uns weiterhin um die
erstrebenswertesten Konsumgüter kümmern, die uns vom Leben ablenken.
Das ist für Betroffene schon unangenehm genug, denn eigentlich sind sie
Aussätzige einer Gesellschaft von angeblich Starken und Gesunden, die
auch ihr Mitgefühl an Organisationen wie ‚Aktion Mensch’ oder
andere Selbsthilfegruppen, je nach Art des abzuarbeitenden und zu
versteckenden Leids, abgegeben hat.
Und:
Gerade Depressionen haben ein wesentlich schlechteres Image als ein
gebrochener Arm, am Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Betroffene noch in
Irrenanstalten, Hauptsache aus dem Sinn. Richtig erschrocken und verstört
ist man aber, wenn man trotz aller Verdrängung plötzlich merkt: Ich
habe selbst Liebeskummer ! Schmerzen ! Depressionen ! Bin krank! Alt !
Muss sterben !
Damit kann mangels Übung und Vorbildern heute kaum noch jemand umgehen,
denn das traf doch immer nur andere, und die womöglich noch wegen ihres
zweifelhaften Lebenswandels zu recht... warum nun gerade ich ?
Diese letzte Frage ist natürlich idiotisch: Warum denn bitteschön
gerade ich NICHT ? Notwendig scheint mir eine gedankliche Beschäftigung
mit dem menschlichen Leben, das eben Krankheit und Tod beinhaltet. Erst
wenn eine solche Beschäftigung zu Akzeptanz und Toleranz führt, lassen
sich Schmerzen oder Depressionen besser ertragen, weil sie dann zulässig
sind und nicht mehr verboten, einzigartig oder gar widernatürlich.
Vorausetzung für eine andere Betrachtung und humaneren Umgang mit Leid
und Depression ist allerdings die Erkenntnis, dass langfristiges Glück
(damit meine ich so etwas wie allgemeine Zufriedenheit) nicht von aussen,
durch Erwerb oder Verwendung von Konsumgütern erreicht werden kann.
Das Glück klingelt nicht an der Haustür oder am Handy. Und die Lohnerhöhung
und das eigene Häuschen sind auch nicht das Glück. Wirklich nicht.
Es ist nur erreichbar durch ein Sich-Anfreunden mit dem eigenen Leben,
der eigenen Krankheit und auch der eigenen Vergänglichkeit. Wer sich
damit nicht anfreunden kann, greift gern zur rosa Brille der wohlfeilen
Psychopharmaka (Adumbran, Aponal etc.), wird aber feststellen, dass die
das ungute Gefühl des Verlorenseins allenfalls eine Zeitlang zu übertünchen
vermögen – ohne eigenes Zutun und eben ‚Anfreunden’ und ‚Es-sich-selbst-leicht-machen’
geht es langfristig nicht. Solche Drogen machen allenfalls zur Überbrückung
eine Zeitlang Sinn, wenn der körperliche oder seelische Zustand derart
schlecht ist, dass ein intellektuelles oder gefühlsmäßiges Befassen
mit der Lebenslage eine Selbstmordgefährdung darstellen würde.
Anfreunden bedeutet auch, die Zuständigkeit für das eigene körperliche
und seelische Wohlbefinden zu erkennen UND umzusetzen, denn wer sollte
sich denn sonst kümmern ? Der Arbeitgeber ? Die Kirche ? Mein
Handyhersteller ? Der Buddhismus hat das erkannt, indem er
fordert, dass man zunächst für sich selbst Gutes tun möge, damit dann
genug Kraft für andere und anderes da ist.
Zum Abschluss:
Paradoxerweise bedeutet die oft ersehnte Unsterblichkeit den Tod, denn
noch heute leben in Labors die unsterblichen Krebszellen einer Frau, die
in den 50er Jahren an Gebärmutterkrebs verstarb, und diese Zellen
werden sich wohl ewig in Petrischalen weiterteilen. Währen sie
‚ordnungsgemäß’ zugrunde gegangen und nicht ‚unsterblich’, könnte
diese Frau wohl noch leben...
Betroffene werden diesem Text anmerken, dass der Autor selbst nicht
unter Depressionen leidet, sie aber für eine Erkrankung hält ‚wie
jede andere auch’, trotz des verbreitet schlechten Images.
Depressionen gehören wie Halschmerzen zum Leben, auch wenn ich persönlich
Halsschmerzen vorziehe ;-)
Jeder Mensch hat die Chance, einmal depressiv zu werden, und eine
gedankliche Annäherung an die Umstände unseres Daseins könnte
vielleicht auch dann helfen, wenn es sich ‚nur’ um depressive
Verstimmungen oder anderes, eigentlich normales Leid wie in der Überschrift
handelt.
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